Wie die Seele durch Träume zum Bewusstsein spricht,
so spricht das Bewusstsein durch Rituale zur Seele.
(Bettina Jakob)

 

Alltag – Feste – Übergänge

Was ist ein Ritual?

Das Wort Ritual ist abgeleitet von Ritus, (religiöser) Brauch, und bezeichnet ursprünglich die Gesamtheit der Riten eines bestimmten Kultes.

Im heutigen Sprachgebrauch meinen wir mit Ritual häufig eine einzelne Zeremonie oder symbolische Handlung: so wird von Alltagsritualen gesprochen, und in bestimmten Therapieformen, insbesondere der systemischen Familientherapie, kommen Rituale zum Einsatz, um Gegensätze auszudrücken und Widersprüche aufzulösen.

Tatsächlich ist unser Leben von Ritualen durchwoben. Die Angelobung einer Regierung, die Verleihung von Orden und Auszeichnungen, die Produktpräsentationen der großen Unternehmen, der erste Spatenstich und die Feiern zum 1. Mai, die Matura, der Maturaball, die Sponsion oder der Polterabend: all dies sind gesellschaftliche Ereignisse, die rituelle Züge aufweisen.

Alltagsrituale

Viele von uns verwenden auch, oft ohne viel darüber nachzudenken, kleine persönliche Rituale im täglichen Leben. Bestimmte gleich bleibende Gewohnheiten, wie beim Betreten des Hauses zu pfeifen, unter der Dusche zu singen, beim Nachhausefahren von der Arbeit im Auto Grimassen zu schneiden, um die Spannung loszuwerden oder einem Kind jeden Tag auf die gleiche Art Gute Nacht zu wünschen, können das tägliche Leben ungemein erleichtern und beleben.

Feste und Feiern

Am ehesten verbinden wir mit Ritual jedoch die Feiern und Feste, mit denen bestimmte Tage im Jahreslauf und Veränderungen im individuellen Leben begangen werden. Ostern, Weihnachten und Sylvester sind in unserem westlichen Kulturkreis solche Jahresfeste, von denen, unabhängig von der individuellen Einstellung, wohl kaum jemand unberührt bleibt: selbst wenn wir diese Tage nicht feiern, sind es doch gesetzliche Feiertage, die Geschäfte sind voll von den entsprechenden Produkten, etc. Zu den persönlichen Lebensereignissen, die wir feierlich begehen, zählen die Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse und Geburtstage oder andere Jubiläen. Weit seltener werden Scheidungen oder der Pensionsantritt zelebriert, obwohl sie gleichfalls einschneidende Veränderungen im Leben bedeuten.

Übergangsrituale

Bei all diesen sehr unterschiedlichen Anlässen – kollektiv oder individuell, öffentlich oder privat, als Ritual benannt oder nicht – in vielen Fällen hat ein Ritual die Funktion, einen Übergang zu bezeichnen.

Übergang bedeutet, dass es einen Zustand vorher und einen Zustand nachher gibt und der entsprechende Veränderungsschritt durch das Ritual sinnlich erfahrbar gemacht wird. Dadurch wird es für das Individuum möglich, die mit der Veränderung verbundenen Gefühle auszudrücken und zu bewältigen: die Trauer, die Freude, den Schmerz, die Hoffnung. Das Vollziehen des Übergangs wird dadurch verdeutlicht und erleichtert.

Rituale, die in einem familiären, gesellschaftlichen oder öffentlichen Rahmen stattfinden, machen diesen Übergang nach außen sichtbar, sie erfüllen also auch die Funktion, einer bestimmten Gruppe oder der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass etwas zu Ende ist oder etwas Neues begonnen hat.

Jahreszeitenrituale

Bezug zur Natur

Im ländlichen und bäuerlichen Leben sind die Bezüge der Menschen zum Kreislauf der Natur stark ausgeprägt, Arbeit und Alltag sind danach ausgerichtet. Vor 50 Jahren waren die Jahreszeiten auch in der Stadt noch sehr deutlich am Lebensmittelangebot zu spüren. Im Winter gab es wenig frisches Gemüse und Eier, im Frühling freuten sich alle auf die ersten Erdäpfel und Erdbeeren, im Sommer auf Kirschen und im Herbst auf Weintrauben. Heute werden nicht nur exotische, sondern auch heimische Früchte und Gemüsesorten aus aller Welt herantransportiert und praktisch das ganze Jahr über angeboten. Die Veränderungen in der Natur kriegen die meisten von uns noch am ehesten über das Wetter mit, also daran, dass man im Winter wärmere Kleidung und andere Reifen fürs Auto braucht.

Der Jahreszyklus

Jahresrituale setzen uns als Individuen in Verbindung mit kosmischen Ereignissen. Sie machen uns den Zyklus der Jahreszeit und damit auch unsere Abhängigkeit von der Natur bewusst und binden uns ein in einen größeren Kontext.

Bildhaft steht der Jahreszyklus – Frühling, Sommer, Herbst und Winter – auch für den Lebenszyklus mit den Lebensaltern, also Kindheit, Jugend, Reife/Erwerbsalter und Alter.

Ein Laubbaum macht im Lauf eines Jahres große Veränderung durch. Die Knospen springen auf und Blüten und Triebe entfalten sich, er wächst, bildet Früchte, die dann reifen und geerntet werden oder abfallen, schließlich fallen die Blätter ab, er zieht seine Kraft in die Wurzeln zurück und wartet als entlaubter Baum auf den Frühling, um den Zyklus wieder von neuem zu beginnen. Auch für all diese Zustände gibt es Entsprechungen im menschlichen Leben.

Rituale gestalten

Wir leben in einer Zeit, in der einige der ehrwürdigen alten Feiern und Rituale von vielen Menschen als sinnentleert empfunden werden. Vermutlich hängt das mit dem aktuellen Paradigmenwechsel zusammen, einer tief greifenden Veränderung des wissenschaftlichen und spirituellen Weltbildes und der weltweiten Kommunikation, die wir gerade durchleben. Diese Zeit eröffnet auch wie vielleicht nie zuvor ein allgemein zugängliches Wissen über die kulturellen Lebensformen und Rituale der verschiedensten Völker und stellt damit unsere eigenen überlieferten Bräuche in einen weiteren Kontext.

Das ermöglicht denen von uns, die sich in den traditionellen Formen der westlichen Kultur nicht wieder finden, selbst zu entscheiden, wie wir die Übergänge und Feiern in unserem Leben gestalten wollen.

Rituelle Handlungen

Kennzeichnend für Rituale ist ihr Handlungscharakter, sie beinhalten fast immer ein Element des Tuns (wie das Durchschneiden des Bandes bei Eröffnungen, das Anstecken der Ringe bei der Hochzeit usw.) In diesem Sinne sind Rituale vorsprachlich und können daher von Menschen aller Altersgruppen und auch von Tieren verstanden werden. Gerade Kinder, die noch nicht sprechen können und sehr alte Menschen, die sich mit dem Hören schon schwer tun oder verwirrt sind, reagieren stark auf rituelle Handlungen und haben keinerlei Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Daneben enthalten Rituale meistens auch sprachliche Elemente, die jedoch oft stark formalisiert sind. Manchmal wird sogar eine überlieferte, nicht mehr gesprochene Sprache verwendet: die Wahrung der überlieferten Form scheint dabei wichtiger zu sein als die Verständlichkeit.

Wiederholung

Dieses Festhalten an tradierten Formen ist ebenfalls charakteristisch, ein Ritual wird oft erst zum Ritual durch seinen immer gleich bleibenden Ablauf. Damit ist das Ritual vorausschauend und rückblickend zugleich: vorausschauend im Hinblick auf den Übergang, den es zu vollziehen gilt; zurückblickend, weil dieser Übergang so begangen wird, wie dies Hunderte oder Tausende von Menschen zuvor in einer ähnlichen Situation getan haben.

In der Wiederholung einer althergebrachten Form liegt allerdings auch die Gefahr, dass die Form zum Selbstzweck wird und der eigentliche Sinn, die Bedeutung, die ursprünglich damit verbunden wurde, nicht mehr spürbar ist. Im Extremfall führt das zu einem Herunterleiern von Formeln ohne jeden emotionalen und sinnlichen Gehalt. Das Ritual erfüllt dann nur noch seine zweite Funktion, den Mitteilungscharakter an die Gesellschaft, und selbst das wird leicht langweilig, sobald das lebendige und emotional spürbare Bewältigen der Veränderung verloren gegangen ist.

Literatur

  • Evan Imber-Black et al. (Hg.) Rituale in Familien und Familientherapie. Carl-Auer-Systeme Verlag, 1998
  • Catherine Herriger Die Kraft der Rituale: Macht und Magie unbewusster Botschaften im Alltag. Heyne Verlag, 1993
  • Silvia Bovenschen & Jörg Bong (Hg.) Rituale des Alltags. S. Fischer, 2002
  • Arnold van Gennep Übergangsriten (Les rites de passage). Campus Verlag, 2005
  • Kathrin Kiss Brücken und Flügel. Rituale zu den Wendepunkten des Lebens. Walter Verlag, 1999

Neue Rituale