Warum neue Rituale?

Die folgenden Beispiele sollen deutlich machen, dass in einigen Bereichen des persönlichen und sozialen Lebens die Feiern nicht mehr zeitgemäß sind oder überhaupt fehlen: Grund genug, um über eine neue, den heutigen Bedürfnissen angebrachte Gestaltung nachzudenken. Denn eine neue, für alle oder zumindest für viele Menschen passende Form lässt sich nicht verordnen, sie muss erst gesucht und gefunden werden. Dazu ist es notwendig, zunächst von den ganz persönlichen Bedürfnissen im Zusammenhang mit einem bestimmten Anlass auszugehen – sich also zu überlegen, wie ich selbst eine Feier oder ein Ritual gestalten, einen Übergang begehen und mit anderen teilen möchte. Die in anderen Kulturen gebräuchlichen Rituale können in diesem Prozess Inspirationen liefern, lassen sich aber kaum eins zu eins übertragen, ohne dabei erst recht wieder ihren tieferen Sinn zu verlieren.

Kein adäquates Ritual für Jugendliche

Beispiel 1: Initiation ins Erwachsenenalter

 Zum Jahreswechsel 2003/04 gingen die Nachrichten von 2 Jugendlichen durch die Presse, die im Abstand von 3 Tagen und ohne voneinander zu wissen, auf einen abgestellten Eisenbahnwaggon kletterten und in den Stromkreis gerieten. Für beide, ein 15-jähriges Mädchen und einen 13-jährigen Buben, endete diese ‚Mutprobe’ tödlich. Solche Unfälle und auch schwere Erkrankungen im Umbruch vom Kindes- zum Erwachsenenalter scheinen häufig zu sein – glücklicherweise gehen die meisten von ihnen glimpflich aus. Diese Ereignisse sind auch nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, dass es in unserer Gesellschaft für Jugendliche kaum eine ‚öffentliche’ Gelegenheit gibt, sich zu beweisen und die angstbesetzten Grenzen zu erfahren, die diesem Alter mit dem Herannahen der Sexualität immanent sind.

Kollektiv gesehen bieten wir unseren Jugendlichen keine adäquate Möglichkeit, die widersprüchlichen Gefühle dieser wichtigen Übergangsphase in einem geschützten Rahmen zu erleben, zu bewältigen und damit ins Erwachsenenleben und die damit verbundene Verantwortung initiiert, also aufgenommen zu werden.

Das massive Auftreten von Problemen wie Essstörungen, Drogenmissbrauch, Rechtsextremismus und Gewalt könnte auch damit zusammenhängen, dass wir den Jugendlichen Hilfe zur psychischen Bewältigung der Pubertät nicht oder erst dann bieten, wenn die Probleme schon da sind.

Auch für andere wichtige Lebensübergänge, wie Auszug aus dem Elternhaus, Trennung von der PartnerIn, Pensionierung, gibt es in unserer Kultur kein allgemein gültiges, angemessenes Ritual.

Was tun?

Sehr gut geeignet für die Initiation ins Erwachsenenalter sind Rituale und Zeremonien aus dem indianischen Kulturkreis, insbesondere Schwitzhütte und Rückzug in die Natur bzw. Visionssuche.

ROSE im HOF berät und begleitet Sie gerne bei der Gestaltung von Lebensübergängen.

Mehr als ein Vertrag?

Beispiel 2: Hochzeit

In Österreich wie in den meisten europäischen Ländern gibt es wesentlich mehr standesamtliche als kirchliche Hochzeiten. Ein wichtiger ritueller Teil der Eheschließung, nämlich das gegenseitige Anstecken der Ringe, findet dadurch häufig im Rahmen einer Behörde statt, die eigentlich nur für den gesetzlichen Aspekt zuständig ist.

Das katholische Ritual kommt für die wachsende Zahl von Menschen ‚ohne religiöses Bekenntnis’ nicht in Frage und steht auch nicht allen ChristInnen offen – insbesondere Geschiedene und homosexuelle Partner und Partnerinnen sind ausgeschlossen. Außerdem entsprechen trotz der Gestaltungsmöglichkeiten, die viele Pfarrer inzwischen einräumen, einige Formeln dieses Rituals nicht mehr dem inneren Empfinden.

Bleibt also eine Hochzeit ohne Ritual? Auch da finden einige, dass Essen, Trinken und Tanzen zwar schön, aber doch nicht genug sind.

Dieses Beispiel lässt sich auf andere Lebensübergänge übertragen: auch mit der herkömmlichen Gestaltung des Abschieds von Verstorbenen sind viele Menschen nicht mehr zufrieden.

Was tun?

Nehmen Sie eigene Wünsche ernst und seien Sie kreativ bei der Gestaltung der großen Feiern in Ihrem Leben!

In ROSE im HOF haben wir Erfahrung mit der Entwicklung und Moderation von Namensgebungs- und Hochzeitsritualen. Wir beraten und begleiten Sie gerne bei der Gestaltung von Zeremonien.

Der Handel ist zufrieden

Beispiel 3: Weihnachten

„‚O Tannenbaum‘ bringt ‚O Wutanfall'“, titelte „Der Standard“ anlässlich von Weihnachten 2003 und jedes Jahr kommen in den Zeitungen Prominente zu Wort, die die Kommerzialisierung und Sinnlosigkeit des Weihnachtsfestes beklagen. Tatsächlich steht das in Liedern und Erzählungen überlieferte Idealbild von der dunkelsten, ruhigsten und friedlichsten Zeit im Jahr in krassem Gegensatz zur (vor)weihnachtlichen Wirklichkeit. Die Dunkelheit wird in den Städten Tag und Nacht durch die Weihnachtsbeleuchtung erhellt, und die Verkäuferinnen und Verkäufer, die bis zu 8 Stunden am Tag mit Weihnachtsliedern beschallt werden, dürften kaum Ruhe empfinden. Dazu kommt, dass in fast allen Berufen der bevorstehende Jahreswechsel viel zusätzliche Arbeit und den Druck, mit allem fertig zu werden, mit sich bringt. Und dann noch die oft aufwändigen Vorbereitungen für das Fest selbst und der Stress, ja für alle ein passendes Geschenk zu haben. Kein Wunder, dass man/frau sich da eher aggressiv als friedlich fühlt – was dann wiederum Schuldgefühle auslöst, denn Wut oder Ärger sind im weihnachtlichen Idealbild nicht vorgesehen.

Die Kommerzialisierung und damit einhergehende „Sinnentleerung“ von Weihnachten trifft in zunehmendem Maße auch auf Ostern zu.

Was tun?

Die Advent- und Weihnachtszeit mit ihrer Fülle von Bräuchen bietet sich für einen bewussten und selbstbestimmten Umgang mit Ritualen geradezu an:

  • Was von den weihnachtlichen Ritualen ist mir wirklich wichtig? (zB der Adventkranz?)
  • Worauf können wir verzichten? (zB auf Geschenke unter Erwachsenen?)
  • Was fehlt und braucht einen rituellen Platz (zB einmal im Advent einen Ort in der Natur aufsuchen, der nicht von künstlichem Licht erhellt wird, um die Dunkelheit zu spüren?)

Ritualbegleitung

ROSE im HOF bietet Begleitung bei Lebensübergängen und persönlichen Übergängen, bei Themen des Abschieds und des Neubeginns an.

Sie interessieren sich für eine Beratung oder Begleitung für Ihr persönliches Ritual?
Senden Sie uns eine Nachricht mit einer kurzen Beschreibung Ihres Themas, wir laden Sie zu einem kostenlosen Erstgepräch (ca. ½ Stunde) ein.

Rituale selbst gestalten

Selbstverständlich können Sie Ihre Rituale auch allein, mit der Familie oder mit FreundInnen planen.

Ein paar Überlegungen dazu:

Sobald Sie sich für ein Ritual entschieden haben, beginnt eine Vorbereitungsphase, die sehr intensiv sein kann. Gerade die Themen von Lebensübergängen beginnen in dieser Zeit schon ihre Wirkung zu entfalten.

In dieser Vorbereitungsphase wird auch geklärt bzw. reflektiert, was die Intention des Rituals ist und worin das Bedürfnis danach besteht.

Hilfreiche Fragen dafür sind:

  • Worin besteht der Übergang des Rituals (Zustand vorher – nachher)?
  • Wie soll der Rahmen des Rituals aussehen, insbesondere wo soll es stattfinden und wer soll dabei sein?
  • Wie konkret soll das Ritual vollzogen werden (symbolische Handlungen, Sätze)?
  • Falls eine Gemeinschaft dabei sein soll, was soll der Gemeinschaft mitgeteilt werden und welche Funktionen haben die Mitglieder der Gemeinschaft in dem Ritual?

Mit Hilfe dieser und weiterer Fragen kann der Ablauf zunächst grob geplant und anschließend in einem ‚Ritualdrehbuch’ genau festgelegt werden.

Ein Ritual legt eine äußere Form vor, in der sich die Teilnehmerinnen ausdrücken. Es ist wichtig, dass es auch offene Teile enthält, um spontanen Ausdruck zu ermöglichen.

Eine andere Art zu feiern

Der Verzicht darauf, bestehende Rituale, wie sie sind, zu übernehmen, bedeutet auch, die Verantwortung für die eigenen rituellen Bedürfnisse selbst zu tragen, ohne dabei auf die Legitimation durch Autoritäten wie religiöse Gemeinschaften, die Überlieferung oder die allgemeine Meinung („das gehört sich eben so“, „das haben wir immer so gemacht“) zurückgreifen zu können. Am konkretesten zeigt sich das oft an der Frage, wie den Verwandten und FreundInnen erklärt werden kann, dass es sich um eine ‚andere’, persönliche Art des Feierns handelt, wie sie in das Ritual eingebunden werden können und wie viel an Neuerung ihnen zugemutet werden kann.